Es heißt, in jener Nacht, da der Krieg die Grenzen von Dornhain überschritt, sei ein Wunder geschehen. Die Feuer der Brüder waren schon am Horizont, die Schreie der Flüchtenden hallten in den Tälern wider, und doch blieb Aven unberührt. Niemand hörte die Trommeln der Feinde in der Nähe, niemand sah ihre Banner, als hätten sie den Ort vergessen.
Die Menschen, die damals dort lebten, erzählen, dass es mit Nehas Tod begann. Sie war nicht gefallen durch Schwert oder Brand, nicht durch Krankheit oder Zufall. Sie war einfach fort – still, ohne Aufschrei, als hätte sie den Atem selbst abgegeben. Und in diesem Moment, so sagen sie, veränderte sich die Luft.
Der Wald verharrte in einer Schweigsamkeit, die nicht von dieser Welt war. Kein Wind bewegte die Blätter, kein Tier wagte einen Laut. Manche meinen, es sei gewesen, als würde die Zeit selbst stehen bleiben. Wer an jenem Tag draußen war, berichtete später, sie hätten das Gefühl gehabt, in eine unsichtbare Schwelle zu treten: Der eigene Atem sei schwerer geworden, die Stimmen der Menschen hätten sich wie verschluckt angefühlt, und das Spüren – jenes tiefe Empfinden, mit dem Krieger ihre Feinde aufspüren – sei vollkommen versiegt.
Und so marschierte das Heer vorbei. Ein Heer, das sonst alles verbrannte, was ihm im Weg stand. Es ging weiter, als gäbe es Aven nicht. Kein Banner wurde aufgerichtet, kein Schwert gezückt, kein Dorf geplündert. Als hätten die Soldaten einen Ort gesehen, der nicht existierte.
Für die Menschen in Dornhain war dies Beweis genug: Neha habe ihr Leben gegeben, um Aven zu verbergen. Sie nennen sie die „Wölfin ohne Spur“, und in manchen Liedern heißt es, ihr Herz sei zu einem Mantel aus Schatten geworden, der sich über die Mauern legte. Andere flüstern, ihre Essenz sei in den Boden gesickert, habe ihn leer gemacht von allem, was spürbar war, und so die Feinde geblendet.
Doch Lyrius, so erzählen dieselben Stimmen, sah nichts von alledem. Für ihn war da nur der tote Leib in seinen Armen, nur die Augen ohne Glanz, nur das Schweigen, das ihn innerlich zerfraß. Wo andere ein Wunder sahen, sah er Verrat der Welt. Wo andere Rettung feierten, fühlte er nur Verlust.
Bis heute wird gestritten, was damals wirklich geschah. Manche Chronisten schreiben, es sei ein Zufall gewesen – ein Irrtum des Heeres, das Aven überging. Andere nennen es den ersten Beweis, dass eine vierte Macht in der Welt waltet, eine, die niemand versteht. Aber in den Dörfern erzählt man es einfacher:
„Als Neha starb, hörte der Krieg uns nicht mehr.“
Und wenn die Winde in Dornhain verstummen, sagen die Alten, dann spürt man noch heute das Schweigen jener Nacht, als ein Herz brach und eine Welt verborgen blieb.
