Das Märchen von der Frau mit den stillen Augen


Man erzählt in den Südlanden von einer Frau, die durch Dörfer ging, ohne Namen, ohne Begleitung, nur mit einem Stab aus dunklem Holz. Ihre Augen waren still, so still, dass Kinder schwiegen, wenn sie sie ansah. Niemand wusste, woher sie kam. Manche sagten, sie sei eine Sängerin, andere, sie sei eine Witwe, die alles verloren hatte.

Eines Abends kam sie in ein Dorf, das von Dürre geplagt war. Die Brunnen waren trocken, die Felder verbrannt, und die Menschen hatten ihre Stimmen verloren, weil sie zu lange nach Wasser geschrien hatten. Sie setzten sich an den Rand der Häuser, hockten im Staub und warteten.

Die Frau mit den stillen Augen setzte sich mitten auf den Platz und tat nichts. Kein Lied, keine Geste. Nur Schweigen. Doch ihr Schweigen war nicht leer. Es war schwer, wie Regen, der nicht fällt, wie ein Strom, der zurückgehalten wird. Die Menschen spürten es, und einer nach dem anderen verstummten sie vollkommen, auch die Kinder, auch die Alten.

Als die Stille vollkommen war, hob sie den Stab und schlug dreimal auf die Erde. Da tat sich ein Riss im Boden auf, klein, unscheinbar, aber aus ihm quoll Wasser – klar, frisch, kalt. Nicht viel, nicht genug, um Felder zu tränken, doch genug, um ein Kind zu retten, eine Hand zu benetzen, einen Durst zu stillen.

Die Leute wollten ihr danken, wollten sie zur Herrin machen, wollten sie halten. Doch sie ging, wie sie gekommen war, ohne ein Wort, nur mit den stillen Augen. Und der Brunnen, den sie schlug, versiegte nie.

Seitdem sagt man in den Südlanden:
„Wenn die Dürre kommt, halte still. Manchmal genügt Schweigen, um Wasser zu finden.“

Und manche flüstern noch mehr: dass die Frau mit den stillen Augen einst eine Königin hätte sein sollen, dass sie von fern kam, aus einem Land, das verschwunden ist. Doch dies erzählt man nur leise, denn niemand weiß, ob es wahr ist – oder ob Maevira selbst noch immer durch die Lande geht, unter fremden Namen, schweigend, und Brunnen schlägt.


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