Der Spiegelkamm

Ich wusste nicht, dass ich hierherkommen würde. Der Weg war nicht geplant, er führte mich nur über Ebenen, an deren Rändern sich das Licht anders bricht, bis der Spiegelkamm vor mir stand – eine Wand aus Stein, glatt, hell und doch fremd, als sei sie nicht Teil dieser Welt, sondern hineingelegt.

Die Menschen nennen ihn Spiegelkamm, weil er das Licht einfängt wie ein Wasserbecken, nur größer, härter, unbeweglich. Ich habe meine Hand auf seine Fläche gelegt und erwartet, die Kälte des Gesteins zu spüren, doch sie war warm, beinahe so, als atme der Stein selbst. Ich zog die Hand zurück und wartete, ob ich mir getäuscht hatte, doch es blieb.

Im Morgengrauen beginnt er zu leben. Dann wirft er nicht nur ein Spiegelbild zurück, sondern viele. Ich sah mich, vervielfacht, meine Gestalt gebrochen in Schatten, die sich voneinander lösten und doch alle zu mir gehörten. Fünf oder sechs Seirins standen dort, jede mit ihrem eigenen Gesicht, jede mit einer eigenen Stille. Ich weiß nicht, ob es Angst sein sollte, die man dabei empfindet – ich spürte nichts als Ruhe. Die Ahnung, dass wir mehr sind, als wir uns selbst glauben.

Die Händler meiden den Ort. Sie erzählen, dass man etwas verliert, wenn man zu lange hinsieht – ein Stück seiner Seele, einen Teil seiner Erinnerung, etwas, das man nicht zurückbekommt. Doch ich habe nichts verloren. Im Gegenteil: Ich habe etwas wiedergefunden, das ich nicht benennen kann. Vielleicht war es Vertrauen. Vielleicht nur ein Atemzug, den ich länger hielt als sonst.

Die Stunden vergingen, ohne dass ich es bemerkte. Es ist schwer zu beschreiben, was der Spiegelkamm einem gibt, weil er nicht wirklich etwas schenkt. Er ist einfach da. Ein Ort, der nichts fordert und nichts verlangt, der nicht fragt, nicht richtet. Ein Ort, der bleibt. Ich habe mich hingesetzt, das Gesicht im Licht, die Augen geschlossen, und es war, als hielte die Welt für einen Moment an. Kein Krieg, keine Stimmen, kein Drängen, nur der Stein, das Licht und ich.

Als ich den Ort verließ, wollte ich mich nicht umdrehen. Nicht aus Furcht, sondern weil ich wusste: Der Spiegelkamm braucht kein zweites Sehen. Er lebt davon, dass man ihn nur einmal wahrnimmt, und dass dieser eine Blick genügt.


Ein Stein, der schweigt,
ein Licht, das bleibt.
Im Spiegel ruht,
was niemand teilt.

Seirin Avel
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