Es gibt Orte, die man nicht sucht, sondern von denen man sich suchen lässt. Die Spiegelquelle ist so ein Ort. Man findet sie nicht auf Karten, nicht auf den Wegen, die man gewohnt ist. Man hört nur von ihr, in Worten, die wie geflüstert klingen: von einem Wasser, das nicht nur Gesichter spiegelt, sondern Wahrheiten, die tiefer liegen.
Als ich den Wald verließ, führte mich ein schmaler Pfad in eine Senke, verborgen zwischen moosbewachsenen Steinen. Dort lag sie, klein, fast unscheinbar, ein Becken von vollkommen klarem Wasser. Kein Wind kräuselte die Oberfläche, keine Blätter schwammen darauf. Es war, als hielte die Quelle den Atem an, solange man in ihrer Nähe war.
Ich beugte mich hinab, und sah nicht nur mein Gesicht. Ich sah Müdigkeit, die ich nicht bemerkt hatte, Zweifel, die ich in mir trug, ohne sie je ausgesprochen zu haben. Ich weiß nicht, ob es Täuschung war, nur ein Spiel des Lichts und der Erwartung, oder ob die Quelle wirklich mehr zeigt, als sie sollte. Aber in diesem Augenblick wirkte es wahr.
Die Menschen nennen sie heilig. Manche sagen, das Wasser habe Heilkräfte, andere fürchten es, weil es Dinge offenbart, die man nicht wissen will. Ich habe weder getrunken noch mehr als einen Finger hineingetaucht. Das Wasser war kalt, schneidend, und doch klar wie Glas.
Ich blieb, bis die Sonne sich neigte und die Schatten über die Quelle fielen. Dann verschwand das Spiegelbild, und es blieb nur Wasser zurück. Vielleicht war es nie mehr als das. Doch als ich weiterging, fühlte ich mich leichter, als hätte ich etwas abgelegt, das ich nicht benennen konnte.
Ein Wasser, das spricht,
Seirin Avel
ein Auge, das schweigt.
Was du erkennst,
bleibt nur in dir.
