Dornhain ist schwer zu beginnen, vielleicht weil es selbst kein Anfang ist, sondern ein Dazwischen.
Es liegt wie ein Knoten in der Mitte Soras – dort, wo sich die Straßen treffen, die Flüsse verzweigen, wo der Wind aus vier Richtungen kommt und die Stimmen der Nachbarn niemals verstummen. Von Norden her trägt er die Kälte der Nordwehr, von Süden die Rufe der Händler aus dem Bernsteinbogen, von Osten die Härte der Grenzstrommark, von Westen das Gewicht Lovareths. Und doch klingt er in Dornhain anders – wie ein Lied, das man auf allen Märkten hört, aber nie aufschreiben kann.
Man sagt, Dornhain sei Wald. Und es stimmt: seine Grenzen sind gesäumt von Eichen und dunklen Tannen, deren Wurzeln wie Mauern ragen. In diesen Wäldern erzählen die Alten, dass die Stimmen der Gefallenen leben. Manche Reisende schwören, sie hätten im Wind den Klang von Rüstungen gehört, andere meinen, im Rauschen der Äste flüsterten alte Fürsten über Bündnisse, die längst zerbrochen sind. Kein Kind wächst in Dornhain auf, ohne die Geschichte vom „grauen Hirsch“, der nachts durch die Bäume zieht und nur jenen begegnet, die ihren Weg verloren haben.
Doch der Wald ist nur eine Seite. Denn wer ihn durchquert, findet Ebenen, die weich und weit sind, von Flüssen durchzogen, die im Sommer glänzen wie Spiegel. Hier liegen die Felder, die mehr tragen, als die Menschen zu ernten vermögen. Die Händler, die den Dornhain meiden wollten, weil sie seine Dornen fürchteten, bleiben oft doch, wenn sie die Weite sehen, die Straßen, die frei laufen, und die Märkte, auf denen Stimmen aus allen Reichen Soras durcheinanderklingen.
Es gibt Orte, die man nicht vergisst.
Eine Brücke aus grauem Stein, von der man sagt, sie sei älter als jedes Reich – erbaut von Händen, deren Namen verschwanden. Ein Kloster im Wald, in dem Mönche schweigen, weil sie glauben, dass ihre Worte das Dickicht wecken würden. Ein See, schwarz und still, in dem sich die Sterne spiegeln, als hätte der Himmel selbst beschlossen, hier ein zweites Antlitz zu zeigen. Manche sagen, wer im Herbst bei Nebel über diesen See blickt, sieht nicht nur sein Spiegelbild, sondern auch das Gesicht dessen, den er am meisten fürchtet.
Dornhain ist ein Land der Geschichten. Jeder Hügel hat eine, jedes Tal ein Lied, und jeder Markt ein Gerücht. Doch anders als in Lovareth, wo Macht aus Worten wird, oder in der Grenzstrommark, wo Geschichten wie Warnungen klingen, sind es hier Erzählungen, die wie Wurzeln das Land durchziehen. Man weiß nie, was Wahrheit ist und was nicht – und vielleicht ist genau das Dornhains Kraft.
Es heißt, der Dornhain gehöre niemandem. Kein Kaiser kann ihn ganz binden, keine Fürsten ihn ganz unterwerfen. Er gehört denen, die hindurchgehen, und er verändert sie. Manche verlieren etwas in ihm – ein Stück Vertrauen, ein altes Ziel. Andere finden etwas, das sie nie gesucht haben: einen Ort, an dem die Welt größer wirkt, weil sie unübersichtlicher ist.
Ich erinnere mich an eine Nacht dort, an ein Feuer am Rand einer Straße, die sich verlor. Neben mir saß ein alter Mann, der nicht sagen wollte, woher er kam. „Dornhain vergisst dich nicht,“ sagte er, „aber du wirst ihn nie ganz erinnern.“
Und ich glaube, er hatte recht.
– Seirin Avel
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