Falls du es liest

Ich wollte, dass du es liest.
Vielleicht ist das der Satz, um den ich die ganze Zeit herumgeschrieben habe.
Nicht Trauer.
Nicht Vermissen.
Nicht Entscheidungen.
Nicht Verlassen.
Nicht Träume.
Oder doch all das.
Aber darunter war dieser eine, fast beschämende Wunsch: dass jemand es sieht. Dass du es siehst. Dass irgendwer zwischen den Zeilen stehen bleibt und begreift, dass ich nicht nur schöne Worte aneinanderreihe, weil ich gut klingen will.
Ich wollte gesehen werden.
Nicht bewundert.
Nicht bemitleidet.
Nicht gerettet.
Gesehen.
Das ist ein kleines Wort für etwas, das viel zu groß wird, wenn es fehlt.
Vielleicht habe ich gehofft, dass ein Text etwas verändert. Dass ein Satz eine Tür öffnet. Dass irgendwo auf der anderen Seite jemand innehält, den Kopf hebt und versteht: Das meint mich. Oder: Das meint uns. Oder wenigstens: Da ist jemand, der gerade nicht weiß, wohin mit sich.
Ich weiß, wie naiv das klingt.
Ich weiß, dass Worte keine Menschen zurückholen. Keine Entscheidungen rückgängig machen. Keine Stille zwingen, zu antworten. Ich weiß, dass ein Text nicht an die Stelle eines Gesprächs treten kann, das vielleicht nie wieder stattfindet.
Und trotzdem habe ich gehofft.
Nicht laut.
Nicht stolz.
Eher heimlich.
So heimlich, dass ich es mir selbst kaum gesagt habe.
Ich habe gehofft, jemand würde schreiben. Irgendetwas. Einen kleinen Satz. Kein großes Versprechen. Keine Lösung. Nur ein Zeichen, dass etwas angekommen ist. Dass ich nicht nur in einen Raum gesprochen habe, der meine Stimme schluckt und danach wieder aussieht wie vorher.
Aber vielleicht ist genau das passiert.
Ich habe geschrieben.
Und die Welt blieb Welt.
Menschen gingen zur Arbeit. Nachrichten blieben aus. Tage kamen und gingen, als hätte ich nichts abgelegt, was für mich schwer war. Und vielleicht ist das der Teil, der mich wütend macht. Nicht nur traurig. Wütend.
Weil es unfair ist, dass etwas in mir so laut sein kann und draußen so wenig davon ankommt.
Weil ich müde bin von der Würde, mit der man Schmerz tragen soll.
Weil ich nicht noch einen schönen Text schreiben will, der am Ende so klingt, als hätte ich etwas verstanden.
Ich habe nicht alles verstanden.
Ich bin nicht ruhig.
Ich bin nicht erfüllt von der Erkenntnis, dass Schreiben genügt.
Manchmal genügt es nicht.
Manchmal sind Worte nur Worte.
Schöne vielleicht.
Ehrliche vielleicht.
Aber sie legen sich auf den Tisch, und danach ist der Stuhl gegenüber noch immer leer.
Vielleicht wollte ich mehr von ihnen.
Vielleicht wollte ich, dass sie tun, was ich selbst nicht tun darf oder nicht kann.
Dass sie dich erreichen.
Dass sie sagen: Sieh hin.
Dass sie sagen: Ich bin noch hier.
Dass sie sagen: Es hat mich verletzt.
Dass sie sagen: Ich wollte nicht zu viel sein, ich wollte nur nicht wieder allein mit allem bleiben.
Und vielleicht ist auch das zu viel verlangt.
Vielleicht nicht.
Ich weiß es nicht.
Ich weiß nur, dass es mich nervt.
Dieses Wort ist klein, fast hässlich, aber vielleicht ehrlicher als alles andere.
Es nervt mich, dass es mich nicht in Ruhe lässt.
Es nervt mich, dass ich noch immer denke, irgendein Satz könnte etwas bewegen.
Es nervt mich, dass andere scheinbar weitergehen können, während ich an Dingen hängen bleibe, die längst entschieden sind.
Es nervt mich, dass ich weiß, wie wenig ein Text verändert, und ihn trotzdem schreibe.
Es nervt mich, dass ich dich noch immer erreichen will.
Vielleicht nicht dich allein.
Vielleicht alle, die einmal auf der anderen Seite einer Tür standen und nicht zurückkamen.
Vielleicht jeden Menschen, der mir das Gefühl gab, ich müsste nur ehrlich genug sein, damit er bleibt.
Vielleicht spreche ich zu vielen, wenn ich du sage.
Vielleicht ist das feige.
Vielleicht ist es die einzige Form, die ich gerade habe.
Du.
Da bist du.
Nicht klar genug, um dich zu benennen.
Nicht fern genug, um dich nicht zu meinen.
Ich schreibe zu dir, obwohl ich weiß, dass Schreiben keine Hand ist. Kein Anruf. Keine Antwort. Kein Weg zurück in etwas, das vielleicht längst geschlossen wurde.
Und trotzdem schreibe ich.
Nicht, weil es hilft.
Vielleicht hilft es gerade nicht.
Nicht, weil ich danach leichter bin.
Vielleicht bin ich es nicht.
Nicht, weil ich glaube, dass du kommst.
Vielleicht kommst du nicht.
Ich schreibe, weil ich diesen Wunsch nicht länger hinter schöneren Worten verstecken will.
Ich wollte, dass du es liest.
Ich wollte, dass du etwas merkst.
Ich wollte, dass meine Worte nicht nur mir gehören, sondern irgendwo etwas berühren, das antwortet.
Und wenn das nicht geschieht, dann tut es weh.
So einfach ist das.
Nicht poetisch.
Nicht reif.
Nicht besonders.
Nur weh.
Vielleicht ist dieser Text deshalb kein Abschluss, der glänzt.
Vielleicht ist er nicht einmal ein Abschluss.
Vielleicht ist er nur der Moment, in dem ich aufhöre, so zu tun, als hätte ich nichts erwartet.
Ich habe etwas erwartet.
Ein Zeichen.
Eine Antwort.
Ein Gesehenwerden.
Vielleicht war das falsch.
Vielleicht war es menschlich.
Vielleicht ist beides wahr.
Und vielleicht bleibt am Ende nur dieser eine Satz, den ich nicht schöner machen will:
Ich wollte dich erreichen.
Und ich weiß nicht, was ich mit mir anfangen soll, wenn selbst meine ehrlichsten Worte nicht bis zu dir kommen.

Wenn du das liest und dich irgendwo darin erkennst, dann möchte ich dir etwas sagen.
Nicht laut.
Nicht groß.
Nicht so, als hätte ich eine Antwort, die alles leichter macht.
Nur leise.
Du bist nicht falsch.
Vielleicht klingt dieser Satz zu einfach. Vielleicht sogar zu weich für das, was du schon über dich geglaubt hast. Vielleicht hast du ihn schon öfter gehört und nie ganz annehmen können, weil da zu viele andere Sätze in dir lauter waren.
Du bist zu viel.
Du bist nicht genug.
Du bist schwierig.
Du bist anstrengend.
Du fühlst zu tief.
Du denkst zu lange.
Du brauchst zu viel Raum.
Du machst Dinge kompliziert, die für andere einfach sind.
Vielleicht hat dir das nie jemand genau so gesagt.
Vielleicht musste es niemand sagen.
Manchmal reicht ein Blick. Eine ausbleibende Antwort. Ein Mensch, der geht. Eine Hand, die sich löst. Eine Freundschaft, die stiller wird. Ein Raum, in dem du plötzlich spürst, dass du weniger von dir zeigen solltest, wenn du bleiben willst.
Und irgendwann beginnt man, sich selbst zu übersetzen.
Leiser.
Vorsichtiger.
Weniger wahr.
Man sagt nicht mehr alles. Man fragt nicht mehr nach. Man braucht nicht mehr laut. Man wartet, bis es passt, und manchmal passt es nie. Man wird gut darin, die eigenen Ecken einzuziehen, damit niemand sich daran stößt. Man nennt es Rücksicht. Reife. Verständnis.
Vielleicht war es manchmal auch das.
Aber vielleicht war es manchmal nur Angst.
Die Angst, wieder zu viel zu sein.
Die Angst, wieder nicht genug zu sein.
Die Angst, dass jemand geht, wenn man sich nicht rechtzeitig kleiner macht.
Und falls du das kennst, dann bist du nicht allein.
Nicht mit diesem inneren Prüfen. Nicht mit der Frage, ob du hättest anders sein müssen. Nicht mit dem Gefühl, dich nach jeder Nähe noch einmal zu wiegen, als könnte man irgendwo ablesen, ab welchem Moment ein Mensch zu schwer wird.
Du bist nicht allein damit, dich an Gespräche zu erinnern und nach Fehlern zu suchen.
Nicht allein damit, Nachrichten wieder und wieder im Kopf zu lesen, obwohl sie längst nicht mehr vor dir liegen.
Nicht allein damit, dich zu fragen, ob du weniger hättest erzählen sollen. Weniger fühlen. Weniger hoffen. Weniger da sein.
Nicht allein damit, manchmal wütend zu sein und trotzdem niemandem etwas Schlechtes zu wünschen.
Nicht allein damit, Menschen zu vermissen, die dir wehgetan haben, oder Menschen zu verstehen, die dich trotzdem verletzt haben.
Du bist nicht falsch, nur weil du widersprüchlich bist.
Du bist nicht falsch, nur weil du nicht sauber in eine einzige Erklärung passt.
Vielleicht bist du verletzt und trotzdem liebevoll.
Müde und trotzdem voller Träume.
Wütend und trotzdem weich.
Vorsichtig und trotzdem sehnsüchtig.
Du kannst gehen wollen und bleiben wollen.
Du kannst jemanden loslassen müssen und ihn trotzdem nicht verlieren wollen.
Du kannst sagen, dass es reicht, und trotzdem hoffen, dass jemand bleibt.
Nichts davon macht dich falsch.
Es macht dich menschlich.
Vielleicht hast du oft geglaubt, du müsstest erst einfacher werden, bevor man dich lieben kann. Erst ruhiger. Erst klarer. Erst weniger schwer. Erst geheilter. Erst so, dass niemand mehr Angst bekommt vor dem, was du mitbringst.
Aber du bist nicht erst richtig, wenn du nichts mehr brauchst.
Du bist nicht erst richtig, wenn du niemanden mehr vermisst.
Du bist nicht erst richtig, wenn du über alles hinweg bist.
Du bist nicht erst richtig, wenn dein Schmerz hübsch genug klingt, damit andere ihn ertragen können.
Du bist nicht erst richtig, wenn du so tust, als hätte dich nichts verändert.
Du bist jetzt.
Nicht vollkommen.
Nicht makellos.
Nicht immer leicht.
Aber richtig.
Und ja, vielleicht gibt es Menschen, die dich nicht halten konnten.
Vielleicht gab es Menschen, die gegangen sind, obwohl du gehofft hast, sie würden bleiben. Menschen, die deine Nähe nicht tragen konnten. Menschen, die dich missverstanden haben. Menschen, die dich zu einem Problem machten, weil sie keinen Raum hatten für das, was in dir wirklich war.
Das tut weh.
Und es darf weh tun.
Aber ihr Fortgehen beweist nicht, dass du falsch warst.
Ihre Grenzen sind nicht automatisch dein Fehler.
Ihre Überforderung ist kein Urteil über deinen Wert.
Manchmal passen Menschen nicht in die Räume, die sie einander versprochen oder erhofft haben. Manchmal wird Nähe zu schwer, nicht weil einer schlecht ist, sondern weil beide etwas tragen, das sie nicht ganz benennen können. Manchmal geht jemand, und zurück bleibt nicht nur Verlust, sondern dieser grausame Gedanke: Also war ich es doch.
Vielleicht warst du es nicht.
Vielleicht warst du nur da.
Vielleicht warst du ehrlich.
Vielleicht warst du verletzlich an einem Ort, der es nicht halten konnte.
Vielleicht hast du nicht zu viel verlangt, sondern nur von jemandem erwartet, dass er versteht, was Dasein für dich bedeutet.
Und vielleicht konnte dieser Mensch es nicht.
Das macht dich nicht falsch.
Es macht den Schmerz nicht kleiner.
Aber es nimmt ihm vielleicht für einen Moment die Lüge, dass du die ganze Schuld in dir suchen musst.
Du bist nicht falsch, nur weil du gesehen werden wolltest.
Nicht falsch, weil du gehofft hast, jemand würde zwischen deinen Worten stehen bleiben.
Nicht falsch, weil du dir gewünscht hast, dass ein Mensch merkt, was du nicht mehr direkt sagen konntest.
Nicht falsch, weil du eine Antwort wolltest.
Wir alle wollen manchmal eine Antwort.
Auch die, die so tun, als bräuchten sie keine.
Wir wollen, dass jemand sagt: Ich sehe dich. Ich habe verstanden, dass du nicht einfach schwierig bist. Ich sehe, dass du getragen hast. Ich sehe, dass du müde bist. Ich sehe, dass du nicht böse bist, nur weil du verletzt bist. Ich sehe, dass du nicht kalt bist, nur weil du gehen musst. Ich sehe, dass du nicht schwach bist, nur weil du noch träumst.
Und vielleicht kommt dieser Satz nicht immer von dort, wo wir ihn am meisten gebraucht hätten.
Vielleicht kommt er manchmal gar nicht.
Das ist hart.
Aber es bedeutet nicht, dass du unsichtbar bist.
Es bedeutet nicht, dass deine Wahrheit nicht existiert.
Es bedeutet nicht, dass dein Inneres nur dann zählt, wenn jemand anders es bestätigt.
Du bist da.
Auch ungesehen.
Auch unverstanden.
Auch an Tagen, an denen du dir selbst fremd wirst.
Du bist da.
Und das ist nicht wenig.
Vielleicht wurde dir oft gezeigt, dass du dich beweisen musst. Dass du erklären musst, warum du fühlst. Dass du Gründe brauchst für deine Traurigkeit, für deine Wut, für dein Schweigen, für deine Träume. Dass du erst eine Geschichte liefern musst, bevor jemand deine Schwere ernst nimmt.
Aber du musst dich nicht vor jedem Menschen vollständig ausbreiten, um gültig zu sein.
Du darfst Geheimnisse haben.
Wunden, die niemand sieht.
Träume, die niemand versteht.
Tage, an denen du nicht stark bist.
Nächte, in denen du wieder an etwas denkst, von dem andere glauben, es müsste längst vorbei sein.
Du darfst langsam sein.
Du darfst müde sein.
Du darfst noch nicht wissen, wie es weitergeht.
Du darfst dich verändern, ohne dich dafür zu entschuldigen.
Du darfst Abschied nehmen, auch wenn du noch liebst.
Du darfst bleiben wollen und trotzdem gehen.
Du darfst hoffen, dass jemand dich erreicht, und trotzdem lernen, dich nicht daran zu verlieren, wenn es nicht geschieht.
Du darfst träumen.
Auch dann, wenn du nicht hoffen kannst.
Auch dann, wenn deine Träume klein sind.
Auch dann, wenn sie niemandem groß genug erscheinen.
Auch dann, wenn sie nur aus Ruhe bestehen, aus einem Zimmer, aus einem Tier an deiner Seite, aus einem Morgen ohne Angst, aus einem Ort, an dem du nicht verschwinden willst.
Das ist genug.
Du bist nicht falsch, weil du dir so etwas wünschst.
Du bist nicht falsch, weil du weich geblieben bist in einer Welt, die Weichheit oft wie Schwäche behandelt.
Du bist nicht falsch, weil du noch immer berührbar bist.
Vielleicht ist genau das kein Fehler an dir.
Vielleicht ist es das, was an dir noch lebt.
Und vielleicht wird es Menschen geben, die das nicht verstehen.
Menschen, denen du zu leise bist.
Oder zu laut.
Zu nah.
Zu fern.
Zu schwer.
Zu kompliziert.
Zu wenig.
Zu viel.
Aber kein Mensch dieser Welt hat das Recht, aus seiner Unfähigkeit, dich zu halten, deine Wahrheit zu machen.
Du bist nicht das Urteil, das andere in ihrer Überforderung über dich gesprochen haben.
Du bist nicht nur die Rolle, die man dir gab.
Nicht nur das Problem.
Nicht nur die Last.
Nicht nur der Mensch, der blieb, als andere gingen.
Nicht nur der Mensch, der zu viel fühlte.
Nicht nur der Mensch, der nicht genug war für jemanden, der selbst nicht wusste, was er halten kann.
Du bist mehr.
Und vielleicht musst du dieses Mehr nicht jeden Tag spüren, damit es wahr ist.
Vielleicht genügt es, wenn du diesen Satz für einen Moment nicht wegschiebst:
Du bist richtig.
Nicht, weil alles an dir einfach ist.
Nicht, weil du nie verletzt.
Nicht, weil du immer gut handelst.
Nicht, weil du keine Fehler machst.
Sondern weil dein Wert nicht davon abhängt, ob du für andere bequem bist.
Du bist richtig in deiner Unvollkommenheit.
Richtig in deinen Brüchen.
Richtig in deinem Suchen.
Richtig in deinem Zögern.
Richtig in deinen Widersprüchen.
Richtig auch dort, wo du dich selbst noch nicht ertragen kannst.
Vielleicht ist das schwer zu glauben.
Vielleicht glaubst du es heute nicht.
Dann musst du es nicht erzwingen.
Du musst nicht sofort heilen.
Nicht sofort stärker werden.
Nicht sofort verstehen, warum etwas passiert ist.
Nicht sofort vergeben.
Nicht sofort loslassen.
Nicht sofort aufhören, dich zu fragen, ob du anders hättest sein müssen.
Manchmal beginnt es kleiner.
Mit einem Atemzug.
Mit einem Satz, der nicht ganz falsch klingt.
Mit einem Abend, an dem du dich nicht noch zusätzlich für deinen Schmerz beschuldigst.
Mit dem Gedanken: Vielleicht bin ich nicht das Problem. Vielleicht bin ich nur ein Mensch, der verletzt wurde.
Und falls niemand dir das heute sagt, dann soll es hier stehen:
Du bist nicht allein.
Nicht mit deiner Schwere.
Nicht mit deinem Wunsch, gesehen zu werden.
Nicht mit deiner Angst, zu viel zu sein.
Nicht mit deinem Gefühl, nicht genug gewesen zu sein.
Nicht mit deinem Versuch, trotzdem weiterzugehen.
Irgendwo gibt es Menschen, die ähnliche Sätze in sich tragen. Menschen, die auch nicht wissen, wohin mit all dem, was sie fühlen. Menschen, die auch schreiben, schweigen, warten, träumen, gehen, bleiben, zweifeln. Menschen, die auch glauben, sie müssten sich erst verändern, um endlich richtig zu sein.
Vielleicht lesen sie das hier.
Vielleicht du.
Und vielleicht reicht es für diesen Moment, wenn einer von uns dem anderen leise sagt:
Nein.
Du musst nicht weniger werden.
Du musst nicht härter werden.
Du musst nicht verschwinden, damit andere sich leichter fühlen.
Du bist nicht falsch.
Du bist nicht allein.
Und selbst wenn du es heute nicht glauben kannst, darf dieser Satz neben dir sitzen bleiben, bis du es vielleicht irgendwann kannst.

Vielleicht kommt keine Antwort.
Vielleicht ist das der Satz, vor dem ich mich am längsten gedrückt habe.
Nicht, weil ich es nicht wusste. Nicht, weil ich wirklich geglaubt habe, Worte könnten alles ändern. Ich bin nicht so naiv, wie ich manchmal vielleicht klinge. Ich weiß, dass ein Text keine Tür öffnen muss. Dass ein Mensch lesen kann und trotzdem schweigt. Dass etwas ehrlich sein kann und trotzdem nicht dort ankommt, wo man es heimlich hingeschickt hat.
Und trotzdem tut es weh.
Vielleicht gerade deshalb.
Weil ich es wusste und trotzdem gehofft habe.
Weil ein Teil von mir noch immer dachte, irgendwo zwischen den Zeilen könnte etwas geschehen. Ein Innehalten. Ein Erkennen. Ein kleiner Riss in der Stille. Nicht viel. Kein großes Zurück. Kein Versprechen. Keine Rettung.
Nur etwas.
Ein Zeichen vielleicht.
Eine Hand, die nicht greift, aber zeigt: Ich habe es gesehen.
Vielleicht wollte ich zu viel.
Vielleicht wollte ich nur das Menschlichste überhaupt.
Ich weiß es nicht.
Ich weiß nur, dass ich müde bin, aus allem eine Erkenntnis machen zu müssen. Müde davon, am Ende jedes Schmerzes einen schönen Satz zu suchen. Müde davon, so zu schreiben, als müsste sogar Enttäuschung noch würdig aussehen.
Manchmal ist nichts würdig.
Manchmal ist etwas einfach nur leer.
Manchmal schreibt man, und danach bleibt der Raum derselbe.
Der Stuhl gegenüber ist leer.
Das Telefon schweigt.
Der Tag geht weiter.
Und man selbst sitzt da mit Worten, die plötzlich kleiner wirken, als sie sich beim Schreiben angefühlt haben.
Vielleicht ist das der hässliche Teil an ehrlichen Texten: Sie fühlen sich im Entstehen an wie Wahrheit, und danach merkt man, dass Wahrheit nicht automatisch etwas bewegt. Nicht draußen. Nicht bei anderen. Manchmal nicht einmal in einem selbst.
Und trotzdem waren sie wahr.
Vielleicht muss das genügen.
Nicht als Trost.
Nicht als Lösung.
Nur als Grenze.
Ich habe geschrieben, weil ich etwas sagen musste.
Ich habe geschrieben, weil ich nicht weiter so tun konnte, als hätte ich nichts erwartet.
Ich habe geschrieben, weil ich gesehen werden wollte.
Ich habe geschrieben, weil ich jemanden erreichen wollte, vielleicht dich, vielleicht mehrere, vielleicht jeden, der einmal auf der anderen Seite einer Stille stand.
Und wenn keine Antwort kommt, dann macht das den Wunsch nicht falsch.
Es macht ihn nur unerfüllt.
Das ist schwer auszuhalten.
Ein unerfüllter Wunsch ist kein Irrtum.
Er ist kein Beweis dafür, dass man zu viel wollte.
Er ist nur ein Wunsch, der keinen Ort gefunden hat.
Vielleicht darf ich das endlich so stehen lassen.
Nicht alles, was nicht beantwortet wird, war falsch gefragt.
Nicht alles, was nicht gehalten wird, war zu schwer.
Nicht alles, was nicht zurückkommt, wurde umsonst gerufen.
Vielleicht gibt es Worte, die nichts ändern und trotzdem gesagt werden mussten.
Vielleicht gibt es Texte, die niemanden zurückbringen und trotzdem einen Platz brauchen.
Vielleicht gibt es Wahrheiten, die nicht gehört werden und trotzdem wahr bleiben.
Auch ohne Antwort.
Das ist kein schöner Gedanke.
Aber vielleicht ein ehrlicher.
Ich glaube, ich wollte lange, dass diese Texte mehr sind als Texte. Ich wollte, dass sie Brücken werden. Zeichen. Vielleicht sogar eine Art Tür. Ich wollte, dass sie dorthin gehen, wo ich selbst nicht hingehen konnte. Dass sie sagen, was ich nicht sagen durfte. Dass sie jemanden berühren, ohne dass ich noch einmal bitten muss.
Aber Worte sind keine Hände.
Sie können nicht anklopfen, wenn jemand nicht öffnen will.
Sie können nicht bleiben, wenn jemand geht.
Sie können nicht ersetzen, was ein Gespräch gewesen wäre.
Sie können nur dort liegen, wo man sie abgelegt hat.
Vielleicht ist das wenig.
Vielleicht ist es mehr, als ich heute glauben kann.
Denn vielleicht ist ein Text nicht wertlos, nur weil er nichts verändert. Vielleicht muss er nicht die Welt bewegen, nicht dich, nicht irgendwen, um eine Daseinsberechtigung zu haben. Vielleicht reicht es manchmal, dass er bezeugt, dass etwas da war.
Ein Schmerz.
Ein Wunsch.
Eine Hoffnung, auch wenn ich dieses Wort nicht mag.
Eine Wut, die niemandem etwas Schlechtes wollte.
Eine Sehnsucht, die sich geschämt hat, weil sie noch immer eine Antwort wollte.
Vielleicht reicht es, dass diese Worte einmal nicht in mir bleiben mussten.
Ich wollte dich erreichen.
Das stimmt.
Ich kann diesen Satz nicht zurücknehmen, nur weil er mich verletzlich macht.
Ich wollte, dass du es liest.
Ich wollte, dass du etwas merkst.
Ich wollte nicht noch einen schönen Text schreiben, der so tut, als hätte ich nichts gebraucht.
Ich habe etwas gebraucht.
Vielleicht brauche ich es noch.
Aber vielleicht kann ich trotzdem aufhören, meine ganze Wahrheit an eine Antwort zu binden, die vielleicht nie kommt.
Nicht, weil es mir egal ist.
Nicht, weil ich plötzlich frei bin.
Nicht, weil ich über allem stehe.
Sondern weil ich nicht ewig vor derselben unsichtbaren Tür warten kann und so tun, als wäre Warten dasselbe wie Liebe.
Oder Hoffnung.
Oder Treue.
Vielleicht ist es manchmal nur Warten.
Und vielleicht darf man irgendwann müde davon sein.
Das bedeutet nicht, dass alles verschwindet.
Es bedeutet nicht, dass ich nicht mehr vermisse.
Nicht mehr wütend bin.
Nicht mehr zurücksehe.
Nicht mehr hoffe, obwohl ich es anders nenne.
Es bedeutet nur, dass ich diese Worte nicht länger werfen möchte wie Steine gegen ein Fenster, hinter dem vielleicht niemand steht.
Ich lege sie hier ab.
Nicht vor deine Füße.
Nicht als Forderung.
Nicht als letzte Nachricht, die doch wieder eine Antwort sucht.
Hier.
Bei mir.
Bei denen, die sie vielleicht lesen und etwas darin finden, das ihnen gehört.
Bei denen, die auch einmal gehofft haben, dass ein Satz jemanden erreicht.
Bei denen, die auch lernen mussten, dass Schweigen nicht immer bedeutet, dass man nichts gesagt hat.
Vielleicht ist das der einzige Abschluss, der gerade möglich ist.
Kein Loslassen.
Kein Frieden.
Kein helles Ende.
Nur dieses leise Ablegen.
Ich habe geschrieben.
Ich habe gehofft.
Ich habe mich geirrt, vielleicht.
Oder auch nicht.
Vielleicht war es nicht falsch zu hoffen. Vielleicht war es nur schmerzhaft. Vielleicht ist das ein Unterschied, den ich erst noch lernen muss.
Ich werde die Texte nicht schöner machen, als sie sind.
Sie sind nicht erfüllt.
Sie haben nichts gerettet.
Sie haben keine Tür geöffnet, jedenfalls keine, die ich sehen kann.
Sie haben nicht aus der Stille eine Antwort gemacht.
Aber sie haben gesagt, was ich nicht mehr in mir behalten konnte.
Und vielleicht ist das genug für heute.
Nicht für immer.
Nicht für alles.
Aber für heute.
Vielleicht liest du das nie.
Vielleicht liest du es und schweigst.
Vielleicht liest es jemand ganz anderes und versteht etwas, das gar nicht für ihn geschrieben wurde.
Vielleicht ist das auch eine Art Ankommen.
Nicht dort, wo ich es wollte.
Aber irgendwo.
Ich weiß es nicht.
Ich weiß nur, dass ich müde bin, meine Worte weiter auf die Reise zu schicken, als müssten sie einen Menschen finden, der mir beweist, dass ich nicht umsonst gesprochen habe.
Ich habe nicht umsonst gesprochen.
Auch wenn keine Antwort kommt.
Auch wenn niemand zurücktritt durch die Tür.
Auch wenn der Stuhl leer bleibt.
Auch wenn ich morgen vielleicht bereue, wie ehrlich ich heute war.
Ich habe gesprochen.
Und das darf stehen bleiben.
Nicht als Vorwurf.
Nicht als Bitte.
Nicht als Beweis.
Nur als etwas, das wahr war, als ich es schrieb.
Vielleicht ist das der Abschied.
Nicht von dir.
Nicht von allem.
Sondern von der Hoffnung, dass meine Worte erst dann zählen, wenn sie dich erreichen.
Sie zählen auch hier.
In meiner Hand.
In diesem Raum.
In der Stille danach.
Und wenn keine Antwort kommt, dann kommt keine Antwort.
Es tut weh.
Aber es macht mich nicht falsch.
Es macht den Ruf nicht falsch.
Es macht die Liebe nicht falsch.
Es macht die Wut nicht falsch.
Es macht die Sehnsucht nicht falsch.
Es bedeutet nur, dass manche Worte keinen Weg zurückfinden.
Dann bleiben sie eben hier.
Als Spur.
Als Grenze.
Als letzter Satz vor einer Tür, die ich nicht länger offen halten kann, nur weil ein Teil von mir noch immer glaubt, jemand könnte kommen.
Ich schließe sie nicht laut.
Ich schlage sie nicht zu.
Ich lehne sie nur an.
Für heute.
Für mich.
Für alles, was gesagt wurde.
Und für alles, was keine Antwort bekam.

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