
Mittelgroße Schule des Mondwirkens
— Reich Lunas, Wald von Lumis
| Register-ID: | SO-DO-LUN-LUM-0001 |
| Status: | anerkannt (Sora-Kodex & Kodex der Drei Essenzen, Sonderstatus Lunas) |
| Siegelbefugnis: | Grad I–II (selten Grad III, nur durch den Mondrat) |
| Größe: | ca. 100–120 Schüler · 14–18 Lehrende · 10–12 Bedienstete |
| Gründung: | mythischer Ursprung; erste Erwähnungen um 870 UZR, bestätigt durch die Königin von Lunas im 10. Jh. UZR |
| Leitung: | Lehrmeisterin Caelira Thune (seit 1975 UZR) |
| Trägerschaft: | Reich Lunas, direkte Bindung an die Mondkönigin |
LEHRE & SCHWERPUNKT
Mondschleierwirken – Spiel von Täuschung und Enthüllung:
- Lehre des Mondblicks
- Gang durch den Mond
AUFNAHME & AUSBILDUNG
- Schülerstatus: tragen schmales schwarzes Band mit eingewebten Silberfäden
- Zulassung: jährlich ca. 10–12 neue Schüler pro Jahrgang, Kinder müssen in der Vollmondnacht eine Schleiererscheinung zeigen (Verzerrung des Lichts, Spiegelglanz, Lautverschiebung)
- Dauer: 6–8 Jahre
Grundausbildung (3 Jahre): Wahrnehmung, Essenzkontrolle, Grundlagen des Schleierwirkens
Spezialisierung (3–5 Jahre): Mondblick oder Gang durch den Mond
KODEXBINDUNG & REGELN
- Kodex der Drei Essenzen · Sora-Kodex, Sonderstatut von Lunas
- Grundsatz: „Der Schleier ist kein Vorhang, sondern eine zweite Haut.“
- Täuschungswirken gegen Mitschüler verboten, auch im Training
- Jährliche öffentliche Prüfung: Schüler müssen einen Schleier wirken, der zugleich verbirgt und enthüllt
ANLAGE & GEBÄUDE
- Lage: am Rand des silberfarbenen Waldes Lumis, inmitten einer natürlichen Lichtung
- Hauptgebäude: niedriger, ringförmiger Bau aus dunklem Holz und Stein, offen zum Himmel
- Schleierhalle: kreisrund, mit spiegelnden Wänden; zentraler Ort der Übungen
- Schwarzbrunnen: tiefer Wasserteich, Prüfungsort – Spiegel und Tiefe zugleich
- Wohnhäuser schlicht, fast klösterlich; kleine Innenhöfe, stille Gärten
WAPPEN, FARBEN & WAHLSPRUCH
- Wappen: silberner Halbmond über dunklem Wasser
- Farben: Schwarz, Silber, Nachtblau
- Wahlspruch: „Wer den Schleier sieht, erkennt sich selbst.“
FUNKTION IM REICH
- Versorgt Lunas mit Beobachtern, Beratern, Wahrheitsprüfern
- Schüler und Absolventen werden in Diplomatie, Gerichtswesen und am Hof eingesetzt
- Bekannt als „Hüter der Wahrheit im Schatten“
- fast alle Absolventen bleiben in Lunas
Beschreibung & Funktionsweise
Die Schule von Lumis liegt am Rand des silberfarbenen Waldes, in einer Lichtung, die im Mondlicht beinahe unirdisch wirkt. Sie ist keine Akademie mit Türmen und Hallen, sondern ein stiller, ringförmiger Bau, mehr Kloster als Schule. Die Räume sind schlicht, aus dunklem Holz und Stein, offen zum Himmel und durchzogen von Spiegeln, Wasserflächen und schmalen Wegen. Die Stille ist Teil der Ausbildung: Wer in Lumis wirkt, soll nicht durch Lautstärke oder Pracht überzeugen, sondern durch das Spiel von Licht und Schatten, von Verbergen und Offenbaren.
Die Schule versteht Täuschung nicht als Lüge, sondern als Kunst der Wahrnehmung. Schüler lernen, wie Mondlicht etwas verbirgt und zugleich enthüllt. Manche üben den „Mondblick“ – das Sehen verborgener Muster, das Erkennen dessen, was andere verbergen wollen. Andere gehen den „Gang durch den Mond“ – eine Art von Bewegung, die das Auge täuscht, das Dasein unsicher macht, sodass man im einen Moment nah, im nächsten fern erscheint.
Geschichte
Die Ursprünge von Lumis reichen tiefer zurück als die meisten anderen Schulen. Schon in den alten Chroniken von Lunas wird ein „Haus des Schleiers“ erwähnt, das den ersten Königinnen nahestand. Manche Legenden behaupten, es sei nicht gegründet worden, sondern aus dem Mond selbst hervorgegangen – als Ort, an dem Menschen und Mondessenz in einer besonderen Nähe standen. Erst im 9. und 10. Jahrhundert UZR wurde die Schule in offiziellen Reichsregistern erwähnt und durch die Königin von Lunas bestätigt.
Bis heute gilt Lumis als älteste und geheimnisvollste der Mondschulen. Viele ihrer Rituale sind uralt, und selbst die Lehrmeister geben zu, nicht alles zu verstehen, was sie weitergeben.
Lehre & Schwerpunkt
Im Kern geht es in Lumis um den Schleier – das, was zwischen Mensch und Welt liegt. Täuschung ist hier keine List, sondern eine Art Spiegelung: Jeder Schleier verbirgt, aber er zeigt auch eine andere Wahrheit. Die Schüler lernen, Essenzbilder zu verschieben, Wahrnehmungen zu verdoppeln, Stimmen zu überlagern. Wer diese Kunst beherrscht, kann nicht nur täuschen, sondern auch enthüllen, was andere verbergen.
Die beiden Hauptdisziplinen sind:
- Mondblick – der Versuch, durch den Schleier zu sehen, verborgene Strukturen, Muster und Geheimnisse aufzudecken.
- Gang durch den Mond – die Kunst, das eigene Dasein zu verschleiern, in Licht und Schatten zu verschwimmen, anwesend und abwesend zugleich zu sein.
Beide Lehren verlangen mehr innere Ruhe als äußere Kraft. Schüler verbringen lange Zeit im Spiegelgarten oder am Schwarzbrunnen, wo sie lernen, das eigene Bild zu erkennen – und zu verwerfen.
Gebäude
Der Schulkomplex ist bescheiden, fast unscheinbar. Die Schleierhalle bildet das Herzstück – ein kreisrunder Raum mit spiegelnden Wänden, in dem Schüler ihre Täuschungen üben. Der Schwarzbrunnen, ein stilles, tiefes Wasserbecken, dient als Prüfungsort: Wer dort hinabsteigt, soll sein eigenes Spiegelbild verlieren, um ein neues zu gewinnen. Kleine Wohnhäuser, Gärten und Höfe umgeben die Halle; alles ist so angelegt, dass Mondlicht auf Wasser, Stein und Glas fällt und immer neue Muster schafft.
Stellung & Ruf
Lumis ist in Lunas hoch angesehen, fast gefürchtet. Wer hier aufgenommen wird, trägt eine Ehre, die größer als ein Adelstitel gilt – zugleich aber auch eine Last, denn Absolventen gelten als Menschen, die zu viel sehen. Sie sind unverzichtbar in Diplomatie, Gerichtswesen und am Hof, wo sie als „Hüter der Wahrheit im Schatten“ bezeichnet werden.
Außerhalb von Lunas ist ihr Ruf zwiespältig: In Sora und Nyari sieht man in ihnen Beobachter, Spione, Menschen, die in jedem Gespräch mehr hören, als gesprochen wird. Manche bewundern sie, andere meiden sie. Doch selbst ihre Kritiker gestehen ein: Wer aus Lumis kommt, ist nie zu unterschätzen.
Rethans Eindruck
„Der Schleier ist kein Vorhang, sondern ein Spiegel, der uns zwingt, mehr zu sehen, als wir wollen.“
Ich kam bei Nacht nach Lumis. Der Wald war still, nur die Blätter schimmerten, als hätten sie selbst Licht verschluckt. Die Schule liegt auf einer Lichtung, und doch wirkt es, als hätte der Wald sie nicht preisgegeben, sondern bloß für einen Atemzug geöffnet.
Die Gebäude sind niedrig, kaum auffallend. Keine Türme, keine Mauern. Es ist, als wäre die Schule selbst ein Schleier – man tritt hindurch und verliert für einen Moment das Gefühl, wo der Wald endet und die Mauern beginnen.
In der Schleierhalle flackerte das Licht von Öllampen an spiegelnden Wänden. Schüler standen im Kreis, ihre Bänder glänzten silbern im Halbdunkel. Sie sprachen nicht. Ich sah nur, wie einer kurz verschwand, als wäre er nie da gewesen, und im nächsten Atemzug hinter mir stand. Ich blinzelte, und er war wieder vorn.
Eine Lehrmeisterin bemerkte meinen Blick. Sie lächelte nicht. Ihre Stimme war ruhig, aber sie schnitt wie Glas:
„Täuschung ist kein Lügen. Täuschung ist Wahrheit von der anderen Seite.“
Ich schrieb es nieder, aber ich verstand es nicht. Vielleicht sollte man es auch nicht verstehen, nur ertragen.
Am Schwarzbrunnen knieten zwei Schüler. Das Wasser war schwarz, reglos, und doch spiegelte es nicht ihr Gesicht, sondern etwas Fremdes, Verzerrtes. Einer der beiden trat zurück, atmete heftig, als hätte er sich selbst verloren. Der andere blieb still, unbewegt, das Band an seinem Arm leuchtete schwach.
Ich fragte mich, wie es sein muss, in Lumis zu lernen – zu wissen, dass man nicht nur sich selbst täuschen, sondern auch sich selbst enthüllen kann.
Die Leitung der Schule, Lehrmeisterin Caelira Thune, sprach nur kurz mit mir. Ihre Augen waren dunkel, aber darin schimmerte etwas, das ich nicht fassen konnte. Sie sagte:
„Wer den Schleier sucht, verliert sich. Wer ihn trägt, erkennt sich.“
Dann wandte sie sich ab, und ich blieb zurück mit meinen Fragen.
Ich verließ Lumis in derselben Nacht, aber der Wald wirkte anders. Ich hatte das Gefühl, dass er mich ansah, nicht ich ihn. Und ich fragte mich, ob die Schüler von Lumis je ganz zurückkehren – oder ob sie für immer durch einen Schleier auf die Welt sehen müssen.
Quelle: Regionalarchiv Loraveth, Dorfchronik von Evaron (Auszug 1612–1975 UZR), mündliche Überlieferungen, persönliche Aufzeichnungen R. Serovas, 1988 UZR.
